2006 - Ein Formentera-Artikel über Angebot und Nachfrage

Hier noch ein kleiner Exkurs aus dem Jahre 2006, den ich damals in Sachen Dekadenz und Niedergang zu Papier gebracht habe:

ANGEBOT & NACHFRAGE?

Ich hatte gedacht, dass Formentera ziemlich bald out sein würde. Was die deutschen und italienischen Reiseveranstalter mit ihren Pauschalangeboten für Proleten und Idioten aller Art  vorbereitet haben, wurde von den Gewerbe treibenden Insulanern an Perfidität noch prächtig übersteigert. Jeder – ob Insulaner oder Ausländer – will halt nur Geld machen, ohne Rücksicht auf Verluste. Jede Calle in jedem Ort wird für den Verkehr gesperrt und gefliest, alle 20 Meter ein umzäuntes Bäumchen oder gar eine Palme, alle 5 Meter eine Straßenlaterne, lächerlicher Scheiß. Fast alle wirklich guten Strand-Kioskos sind über die letzten zwei Jahre verschwunden, und die meisten der „spannenden Leute“ haben sich auf’s Festland oder sonstwohin abgesetzt oder sind verstorben. Primitive nordrheinwestfälische Rentner besetzen eherne, spanische Plätze, dumpfe Franken beherrschen wichtige Strandgebiete und bieten pseudo-moderne Küche schlecht gemachtund zu völlig überhöhten Preisen. Insulare Spanier wären gefragt, dem Einhalt zu gebieten, sind aber selber zu dumpf und blöd und geschmacklos. Wenn  auf Formentera ein Deutscher ein Gewerbe aufmacht, geht es um Biergärten, halbseidene Boutiques, Hamburger Bars oder Geschenkartikelshops mit asiatischen Importartikeln. Sobald der junge Spanier sich aufrafft, gibt es Tattoo- und Piercing-Studios. Der Italiener kommt natürlich mit Pizzerien, Immobilien-Agenturen, Internet-Caffees. Letztlich ein totales Desaster. Man freut sich über die letzten spanischen Ferreterias mit ihrem Paella-Pfannen und hervorragenden Arcos-Messern.

Dazu wartet in San Ferran der Supergau – oder auch nicht. Vor der Fondamauer – auf der in den letzten drei Jahren aber auch keine Philosophen, sondern eher dumpfe Blödmänner saßen - werden neue Gebäude gebaut. Der wunderschöne Schuttplatz mit seinem Blick darüber ist dahin.

Nichts ist aufzuhalten, das Meiste von Formenteras echten Qualitäten (Livemusik aller Orten, Open Air Bars, Anselmo Kiosko, Pirata Bus unter spanischer Besatzung) ist bereits vor 15 Jahren untergegangen, forget it! Die Strände sind immer noch schön. Aber man teilt sie mit Rentnern, dumpfen Familien und aufgedressten puritanischen Italienern.

San Fernando oder jetzt auch Sant Ferran, jenes hässliche aber liebenswerte und letztlich authentische Dorf, das über mehr als 3 Jahrzehnte Aussteigern, Hippies und sonstigen  Verrückten einen Daseinsplatz zur Verfügung stellte, ist dabei, zu einem spießigen Allerweltsdorf zu verkommen, dem seine ursprüngliche, über die Jahrzehnte gesteigerte Gesichtslosigkeit  bestens zu Gesicht steht. Bob Baldon Spielplatz, nun gut.... klingt schön, aber eher wie eine Entschuldigung dafür, dass dessen Leihbücherei eben nicht mehr da ist.

Da sind Hippies, Freaks, Intellektuelle nach Formentera gekommen – seit Mitte der Sechziger. In der Fonda Pepe schien man ein Forum zur Ausbreitung seiner Ideen gefunden zu haben. Der Wirt, Pepe, reparierte den Leuten ihre Fahrräder, diskutierte mit und bekam Spaß an den neuen  Dingen, die auf die Insel drangen, irgendwann auch sein Sohn Julian. Hunderte von Leuten saßen da in und um die Fonda. Während des Gläser Einsammelns ließ  man sich nieder, sprach mit den Leuten, Kommunikation pur, die Einwanderer sprachen leidlich spanisch, englisch sowieso, Julian sprach leidlich Englisch und natürlich auch Deutsch, wie auch andere Einheimische auf der Insel. Dazu kamen Festlandsspanier wie Pascual, die den Piratabus aufmachten, einen Strandkiosk aus einem kleinen Reisebus mit herausgebauten Fenstern, wo man am Strand vor oder nach dem Schwimmbad im superklaren, 24° warmen Mittelmeerwasser einen guten Drink einnehmen und dazu angesagte Musik hören konnte, Stones, Dylan, King Crimson, Doors, whatever...

Und alle wollten ficken, Männlein und Weiblein ... Und das ging, war quasi Programm.  Schoppie machte Kerben ins Kopfteil seines Bettes in seiner Finka, dier er bereits 1968 einem Bauern für billigstes Geld abgeschwatzt und über drei Jahre durch die Einnahmen für seine kunstgewerblichen Objekte abgezahlt hatte. Und was kann schöner sein als ein großes Forum gleich Gesinnter, die auch mal miteinander ins Bett steigen? Man fiel ja nicht auf Macho-Aufreisser rein, alles war so gewünscht, wie es geschah, positiv und zwischen Mann und Frau gleich gewichtet und gleich gepolt.

Das geile Paradies! Rudie Duschke, Langhans, Bommie Baumann und Uschi Obermeier hatten das schon propagiert, aber womöglich selbst in Indien nicht so locker ausgelebt, wie die Freaks hier am simplen balearischen Gestade ohne wirklichen Kulturschock. Die Spanier waren schon anders, keine Weltbeherrscher mehr, dem Stierkampf fröhnend auch nur, um die Todesnähe über gute Ausgehkleidung und den Preis des Tickets für den Arena-Platz auszukosten,  Franko-gebeutelt, diskrete Einstreicher von Schmiergeld, aber auch leichte Opfer für Folter und sonstige Torturen.

Aber Leute, das ist lange her!  Vergangenheit, vergessen. Selbst ich habe davon nichts mit bekommen. Mein erster Aufenthalt 1983 war 15 Jahre zu spät, um Spanien nach Franko und diese superkleine Insel noch in ihrer ursprünglichen Blüte zu erfassen, wenn es die überhaupt jemals gegeben haben mag. Obwohl, es gibt Aufzeichnungen, gar Bücher mit Geschichten und Kurzgeschichten, in denen sich ein Haufen Zugereister sauwohl fühlte unter den hiesigen Umständen. Aber der Spanier hat Schlimmes erlebt: Folter an sich selbst, Folter und Mord an Familienangehörigen und sonstigen ihm nahe stehendem Personen. So etwas prägt, prägt schlimm, psychotisiert, narkotisiert, kann alle wirkliche Lebenskraft rauben. Dazu kommt der dumme, katholische Glaube, der in diesem Land präsenter ist als sonst wo in Europa. Obwohl, halt! Man muss das einschränken! Auf dem Festland gibt es schon neue. frische Kräfte, Kreativität, sogar bemerkenswertes Design, Musik, Film, Literatur, Mode usw.

Woher kommt Tourismus? Wie kommt es dazu, dass Menschen in Urlaub fahren, und dabei ihr Geld ausgeben?  Letztlich nur durch Angebote und – lassen wir das Wort „Nachfrage“ entfallen! – durch vakantes Geld, Geld, das Leuten auf der Tasche liegt und ausgebbar ist. Oh Wunder der Volkswirtschaft! Obwohl, in diesem Falle wird jenes vakante Geld gar nicht hier in unserem zu liebenden Inland ausgegeben und dem Finanzfluss wieder zugeführt, sondern in jenem fernen Spanien all jenen Gewerbetreibenden – immerhin heutzutage in unser eigenen Währung, dem EURO!. Ok!

Oder Beispiel Mallorca: ein objektiv betrachtet landschaftlich wunderschöner, klimatisch im europäischern Raum äußerst begünstigter, Toscana-ähnlicher Lebensraum, wurde von deutschen Billig-Reiseveranstaltern wie Neckermann in den 60ern bis in die späten 80er, also über 3! Jahrzehnte! als perfektes Schnellziel für perfekten Urlaub  minder Verdienenden vermarktet, von den damals schon existierenden anspruchsvolleren Mittel-Fernreisenden als „Putzfraueninsel“ geschmäht. Ein nichtswürdiges Pommes Frites Eiland, insbesondere auch englisch beeinflusst  durch jede Menge zweifelhafter asiatischer Restaurants und übelste, von Engländer,  Iren oder Schotten  betriebene Junk-Gastronomien. Fish & Chips und Schlimmeres.

Wohlwollend könnte  man davon ausgehen, dass diese 60er Freaks damals nicht nur auf die Balearen kamen, weil alles besonders billig war. Obwohl, irgendwas muss sich rumgesprochen haben in Insider-Kreisen. Leben für lau, den ganzen Tag in der Sonne liegen, Paradies, wenn man Glück hatte kleines, angemietetes Finka-Domizil vom Bauern, 5 Tomatenpflanzen und 10 Kartoffeln zu Selbstversorgung. Die Eier wurden vom Bauern gekauft, ebenso das Brot. Aber Vorsicht bei den einheimischen Mädels! Die schienen zumindest bereits vergeben, an die einheimischen Jungs – zumindest wenn’s nach den  Eltern ging. Aber diese Franco-gebeutelten Weicheier waren nicht so hart drauf wie süditalienische oder gar albanische Familien, bei denen innerhalb kürzester Zeit der Rächer mit einem langen Bowiemesser ausgesandt wurde, die Familienschande zu tilgen und den getöteten Ausländer letztlich irgendwo zu verbuddeln. Der Spanier – und sei es auch nur der balearische Pajes – ist viel, viel duldsamer,  erscheint sogar in gewisser Weise toleranter. Obwohl hier eben Toleranz eher spezifischen, politisch erlittenen Angstgefühlen entspringt. Wenn einem einmal von fremden Guardisten zwecks Auskunftserlangung  spitze, lange, dünne Nähnadeln langsam in die Zehenknochen getrieben wurden, denkt man eben anders über Toleranz, Integrität und sonstige hohe menschliche Werte.

Insbesondere hier bei der jungen Generation allerlei Probleme, die sich natürlich - geschichtlich betrachtet - plausibel ergeben. Manch Payes Mädchen kam ab vom guten Weg durch Liebäugeln mit einem Zugereisten. Und die Zugereisten hatten auch keine wirklichen Skrupel. Das wusste keiner vorher so genau. Da konnte sich keiner drauf einnorden. Wer damals den langen, ungewissen Weg hier runter machte, hatte andere Ideale, for sure!  For heavens sake! Oder diese Freaks waren einfach nur frech genug. Frech genug, sich für immer von zuhause zu verabschieden, frech genug sich mit dem wackelnden Daumen an die Autobahn zu stellen, glücklich genug, sich von letztlich gleich gesinnten, privilegierten, halb-kapitalistischen VW-Bus-Besitzern mitnehmen zu lassen.

Ok, vielleicht waren es alles Faulpelze, Glücksritter, bedenkliche Subjekte, gar auf Schmarotzerei und  auf Betteln gepolte, sonnenfreudige Jung-Aussteiger, die einfach nur den optimalen Müßiggang zu verwirklichen anstrebten. Und was ist dagegen zu sagen? Das Heil liegt bestimmt nicht in der Arbeit, im Job, im täglich morgendlichen Erscheinen an der Arbeitsstelle, um unter heftigstem Druck hoch gesteckte Ziele zu erreichen.

Scheißverhältnisse in Deutschlands Norden, Scheißverhältnisse all over USA. Da sucht man eben andere Plätze, und jeder, der sich jetzt in gleicher Weise dazu aufmachen würde, wäre sau-froh, wenn er heute, 2006, noch solch eine Insel wie Ibiza oder gar Formentera neu entdecken könnte, unberührt, jungfraulich. Aber: Vorbei, liebe Freunde! Was glaubt Ihr? Wo liegt das Glück heute? Capverden? Ach was? Viel zu heiß! Viel zu nass! Nix los. Oder fliegen wir nach Asien? Sextourismus oder zumindest Einheimische, die einen ständig supernett angucken, total sympathisch, aber eigentlich nix verstehen. Oder: Ficken meine Schwester?  Womöglich gar „mein Tochter“. „Meinen  Sohn“? Oh Dreck! „Schwester macht supergut!“ Geht „Schwester noch, rein moralisch? – gar alt genug, dass keine Unzucht?!“ 

Für viele Wichser eine gute Sache. Aber ich? Wir? Wir moralisch gestärkten, die wir zwar auch geil und heftig ficken möchten, aber dann auch immerhin mit Gleichgesinnten! Keinesfalls mit Abhängigen, oder gar ins Puff. No way! Wir sind doch wohl selbst  noch Mann’s genug, uns ein passendes, gieriges Objekt zu schnappen. Wir kennen uns doch aus!  Sogar von der Form des Gesichts können wir schon auf die Form des Hinterteils schließen, Jahrzehnte lange Routine! Sogar andersrum, aus der Symmetrie und aus der optischen Intensität der Wölbung der Arschbacken jener Frau können wir auf ihr Gesicht schließen. Gar auf jenen Mund jener vorher nicht gesehenen Frau, deren wollüstige Lippen unseren Johannes saugend umschließen und weiterhin saugend, schmatzend beschlecken und besaugen  werden. Jawoll!  Nur Willige, selbst ernannte  „dreckige Fick-Schlampen, die wir in gegenseitigem Einverständnis mit in der Spielwarenabteilung von Kaufhof gekauften „Einschnapp“-Handschellen aus verchromtem Plastik ans Bett-Kopfende fest einhakeln, die Rossmann Vaseline-Dose aus dem Schächtelchen im  Nachtschränkchen hervorhebeln, den flachen Deckel abstülpen und diese Frau, dieses Objekt der Begierde  fies, wenn auch „wie gewünscht „und unter ihren schrillen, haltlosen Lustschreien missbrauchen.

OK, das war alles hier bzw, im balearischen Raum. Wohin denn bitte noch? Domrep? Hört mir auf mit Caribic! Touristenparadiese neben Ghettos, in denen arme Schwarze vegetieren. Kein fließend Wasser, keine Autos, Lasten auf dem Schädel transportieren, auf einem  runden Wulstband? Faszinierend, wie die das hinkriegen, 20 Liter Wasser. Aber: Wir Touristen liegen am feindsandigen Strand, Whiskey-Cola trinkend , lassen uns von Einheimischen bekümmern, die Papageien auf der Schulter sitzen haben und oder sogar bisweilen nerven (Prolex en masse aus der Jackentasche. Das geht doch gar nicht!

Gut, so schlimm wars in Spanien nicht. Höchstens anders rum, dass puritanische Einheimische (die meisten waren Franco-gebügelt) sich mit Ferngläsern hinter den Dünen verschanzten und sich über dem Anblick der fest-tittigen, wohl - rundärschigen Nordeuropäerinnen einen runter holten. Die gute Wichser-Mitte zwischen Arabien und Nordeuropa!

Und Formentera wird immer noch gut besucht ...