2011 im November, Argentinien & Chile

Argentinien ist schon eine etwas andere Welt. Viel unbewohnter Raum und als Gegensatz diese gigantische Hauptstadt Buenos Aires. Wir hatten schon viel darüber gehört und für uns als „Spanier“ ist das natürlich ein super Reiseziel, weil die Landessprache ja ebenfalls Spanisch ist – wenn auch mit lieblichem, leicht italienischen Akzent.

Da fliegen wir mal hin, November ist die beste Zeit!

Nach den Einreiseformalitäten gleich ein intellektuell anmutender Taxifahrer mit allerlei philosophischen Äußerungen. Dazu wusste er zu berichten, dass es in keinem anderen Land so viele Einwohner gibt, die die Psychologen und Psychoanalytiker bemühen. Das Straßenbild ist sehr europäisch, allerdings viele Autos mit Beulen und Rostansatz. Denn Argentinien ist kein reiches Land bzw. der Reichtum ist ungleich verteilt zwischen den Reichen und den Unbetuchten. Und das in einer politischen Struktur, die eher chaotisch erscheint: diverse Wirtschaftskrisen, Militärdiktaturen etc.

„Baires" ist eine gigantische Metropole, in der zumindest alles halbwegs zu funktionieren scheint. Das Ambiente ist eine morbide Mischung aus Mittel-/Süditalien und Südkalifornien. Und ein bisschen Madrid, nur größer. Alles ist irgendwie sehr „amable", liebenswert. Flora, Fauna, Baulichkeit, Antiquitätenmärkte, breite, von Bäumen besäumte Straßen, viele sehr hübsche Menschen (meist italienischen Ursprungs) sowie eine enorme Musikerszene über den Tango hinaus. (Viele in Madrid beheimatete Rockmusiker sind Argentinier, alle mit äußerst fundierten Kenntnissen der Materie.)

Und tags wie nachts pulsiert das Leben, Unmengen an Bars und Restaurants – Buenos Aires muss man einfach erkunden! Man guckt sich auf dem Stadtplan einen Stadtteil aus, nimmt das extrem günstige Taxi oder als andere Erfahrung die SUBTE (U-Bahn), bummelt durchs Ambiente und alles ist cool! Wunderschöne Parkanlagen, unglaublich diese Vielzahl von Boutiquen und Möbelläden. Man könnte sich fragen, wie all diese Geschäfte ihre Waren an den Mann oder die Frau bringen. Dabei stößt man zum Glück nicht – wie in den USA – auf immer dieselben Marken. Alles ist viel individueller und nicht von Verkaufsketten organisiert. McDonalds und Burger King sieht man natürlich an vielen Ecken.

Dabei gibt es weitere, besonders typisch argentinische Eigenheiten: Erzählen und Musik ist wichtiger als Essen – so mein erster Eindruck …

Wir waren bei einem Freund des Javier Vargas zum Barbecue geladen: Gabriel Jolivet, Spitzname „El Conejo“ (das Kaninchen), ein Gitarrist, der jahrelang in Madrid aktiv war und nah am Stadtteil Palermo ein Studio mit ausnahmslos Vintage-Equipment betrieb und ständig über die wirtschaftliche Situation dieses Landes lamentierte. In der September-Ausgabe 2012 der Zeitschrift Rolling Stone wurde Jolivet übrigens auf Platz 28 der 100 besten argentinischen Rockgitarristen gewählt.

Er und seine Frau Maria ließen uns ein stattliches Barbecue angedeihen. Der Grill war angeheizt und Gabriel griff sich ein Pack von fünf Grillwürsten, erzählte und erzählte und hielt dabei geschlagene 15 Minuten diese Chorizos in der Hand bis er sie endlich in einer äußerst kurzen Gesprächspause auf den Grill legte.


Auffällig im Stadtbild sind die vielen Löcher in den Bürgersteigen, die von den Wurzeln der unzähligen Bäume, die die meisten Straßen von beiden Seiten aus sanft überdachen, herrühren. Im krassen Gegensatz dazu besteht eine ätzende Überpräsenz von Coca-Cola. Aber dafür schmeckt der Fernet Branca angenehmer und milder und das auch con Cola – quasi ein argentinisches Nationalgetränk.

Ansonsten scheint für den Argentinier die Arbeit nicht das allerwichtigste zu sein, und es wird gern demonstriert und gestreikt, was – siehe weiter unten – fatale Auswirkungen haben kann. Und außerhalb Buenos Aires wird man der unzähligen Polizisten gewahr, die alle paar Kilometer meist zu dritt zwecks Verkehrskontrollen am Straßenrand stehen, sich charmante Dinge erzählen oder sich unter einem Baum sitzend die Eier kraulen und dabei sämtliche Fahrzeuge – in welchem Zustand auch immer – freundlichst passieren lassen. Eine wahre Armada von Gehaltsempfängern der öffentlichen Hand. Darüber hinaus stünde laut diverser öffentlicher Diskussionen die Subventionierung der Arbeitslosen in keinem Verhältnis zu den finanziellen Mitteln des Staates. Wenn man dann noch die Inflationsrate von 9% dazu nimmt, sollte jedem klar sein, dass Argentinien leider – sollte nichts Entscheidendes geschehen – in nicht allzu langer Zeit wieder finanziell den Bach runter gehen wird.

Kurioses:

In einer Art Flohmarkt-Gebäude fanden wir einen großen Stand mit an die 50 Aufschnitt-Schneidemaschinen und Waagen der Firma Berkel, alle bestens restauriert und in der Originalfarbe knallrot neu lackiert.

Überraschung: In einem Straßenzug fanden wir sage und schreibe 43 Gitarrenläden, leider alle mit überaus mäßiger Ausstattung, nichts, was sich mitzunehmen gelohnt hätte.


Und per Internet entdeckten wir auch ein paar echt gute Restaurants, wo übrigens eher weniger Fernet Branca mit Coca-Cola getrunken wird.

Chile:

Erstmal in paar Worte für Südamerika-Skeptiker und Europa-Fans:

Ok, erstmal, wir sind hier nicht in unserem geliebten Europa. Aber auf Europa brauchen wir auch nicht mehr derart stolz zu sein. Denn unser Kontinent scheint verkommen zu sein zu einer Halbwelt, in der die Werte unserer Volkswirtschaften von kranken, gewissenlosen Desperado-Bankern wie in einem Spielcasino verjuxt werden. Und die neuen Idole und Vorbilder sind vor allem Fußballspieler, was dazu geführt hat, dass sich ein Großteil der Bevölkerung über und über tätowieren lässt oder sich Blech in alle möglichen Körperteile und Körperöffnungen montiert, Energie-Drinks und koffeinfreien Kaffee aus Pappbechern trinkt und die Augen nicht mehr von den Handy-Bildschirmen lässt. Aber, haben wir nicht doch noch etwas wie Tradition, Kultur, Architektur, sagen wir mal „mindestens einen Schein von Zivilisation"? Und den hat Argentinien allemal!

 

Aber wie steht es um Chile?

Laut Auskunft eines fragwürdigen Freundes, der uns – siehe unter Restaurant-Kritiken – ein angeblich fantastisches Restaurant im Stadtteil La Boca (Ursprung des Fußballstars Maradona) empfahl, würde sich auch Trip nach Chile lohnen. Dazu angelockt von vagen Prophezeiungen eines anderen Bekannten betreffs riesiger Seeigel und sonstiger Meeresfrucht-Vielfalt, wissend um den fantastischen Pablo Neruda und nicht abgeschreckt davon, dass dem gemeinen Chilenen der Ruf des Taschendiebs vorauseilt und dass die Chilenen in Madrid in der Kriminalstatistik an erster Stelle stehen, schien Chile zumindest einen Besuch wert.

 

Außerdem hatten wir Flüge gebucht, um nach einer Woche in Chile von Santiago direkt nach Iguazu zu fliegen, jenem Länderdreieck, wo Argentinien, Brasilien und Paraguay zusammengrenzen, mit den wohl spektakulärsten Wasserfällen dieser Welt.

Okay, auf nach Santiago, mittenrein ins Geschehen. Ganz heiß, mal über die Anden zu fliegen, aber nach der Ankunft alsbald Ernüchterung. Der Regierungspalast „La Moneda“, in dem sich 1973 Allende während des Pinochet-Putsches das Leben nahm, wurde von Militarios in nazihaften Uniformen samt hochpolierten Schaftstiefeln bewacht. Sowas macht einem sofort Angst!

Darüber hinaus ist Chile schlichtweg ein kulturloser Sumpf, ein unzivilisiertes Zombie-Land, eine gottverdammte, amerikanisch verseuchte Bananenrepublik, und das nicht mit fröhlichen Bongotrommlern, sondern mit resigniert dreinblickenden Menschen, denen bis heute noch die Jahre der Folterungen, Morde und Misshandlungen in den Knochen zu stecken scheinen. Und im Gegensatz zu Argentinien laufen hier all diese Kriegsverbrecher, Folterer, Malträtierer und Missetäter immer noch frei herum und begegnen womöglich täglich den Angehörigen ihrer ehemaligen Opfer. Und dabei fungieren sie gar weiterhin als Polizisten und Militarios, eben diese Typen in Nazi-Uniform mit polierten Schafstiefeln und diesen nach oben gekrempelten Schirmkappen, diese Sadisten, die vor 20 Jahren sämtliche Oppositionellen gefoltert oder aus Hubschraubern oder Flugzeugen ins offene Meer geworfen haben.

 

Und dabei kommt mir der ganz böse Verdacht, dass damit ebenfalls sämtliche intelligenten Menschen aus der Bevölkerung getilgt wurden. Okay, vielleicht nicht alle, aber die Verbliebenen haben anscheinend das Land verlassen. Denn diese Leute, die einem hier auf der Straße begegnen, wirken nicht nur mürrisch und irgendwie verängstigt, sondern leider auch ziemlich dumpf und niveaulos. Und dazu kommt diese geradezu hündische Beflissenheit der „Geschäftstreibenden", einem für jeden Scheiß, den man kauft, einen Quittungsbeleg zu erstellen, diese generelle Angst vor der Obrigkeit, auch nur irgendetwas unkontrolliertes zu tun, gar etwas „schwarz" zu verkaufen, etwas, was einem womöglich Strafe oder Verhöre in dunklen Kammern einbringen könnte. Das Bild wird abgerundet von unzähligen Bettlern und zahllosen streunenden Hunden, diese meistens mit einem Hinkebein, weil vom Auto angefahren. Nebenbei hört man in den Nachrichten, dass laut Umfrage unter Jugendlichen und Kindern 73% über Prügel und sonstige Misshandlungen seitens ihrer Eltern klagen. Druck von oben erzeugt Druck nach unten! Und dass 50% der Studenten ihr Studium nicht zu Ende führen.

 

Es deprimiert mich vielleicht, wenn Einwohner in Blechhütten ohne Strom und fließend Wasser leben müssen, wie z.B. in Asien oder Afrika. Aber was mich in Chile besonders angekotzt hat, sind diese von den Amis aufoktroyierten, billigen, super-hässlichen Flachbauten zu beiden Seiten der Durchgangsstraßen mit Geschäften, die gerade mal die Mindestversorgung der Leute ermöglichen, Internet Shop, Wäscherei, Eisenwaren, Liquor Store, Imbissbuden, Tankstelle. Aber es gibt praktisch keine Bar, wo man gemütlich draußen sitzen kann, nicht mal im Zentrum von Santiago de Chile, der Hauptstadt! Und es gibt dort auch kaum kein Restaurant, nur Burger King und McDonalds und irgendwelche Taco-Takeaways, sodass man letztlich in eine billige Sushi Bar ausweicht, die keinen Alkohol ausschenken darf – weil sie keine Lizenz dafür hat. Was wir als „Hotel" gemietet hatten und was im Internet einen durchaus korrekten Eindruck machte, war in einem Plattenbau allermindester Ausstattung situiert. All das ist noch viel schlimmer als damals in der DDR.

Dafür gab es aber Fernsehen im Zimmer, ca. 80! Kanäle – nur Dreck! Und die Schauspieler in den Werbe-Spots sind alle blond-amerikanisch schön, Leute, wie man sie auf der Straße NIEMALS sieht! Und chilenischer Fußball: nur sinnloses hin und her Gebolze, Amateure!

Chile: nur mit Underberg oder Fernet zu ertragen ...

Weg von hier, gleich am nächsten Tag! Wir fuhren mit dem Mietwagen südlich bis zur Isla Negra, um Haus und Örtlichkeiten des lang verstorbenen Pablo Neruda, der praktisch sein ganzes Leben dem Kampf gegen den Faschismus gewidmet hatte, zu besichtigen. Das pittoreske Haus liegt direkt an einer imposanten Felsküste, was letztlich auf allerlei Meeresfruchtvorkommen in der Gegend hätte schließen lassen können.
Aber weit gefehlt! Wer auch immer behauptet, hier könnte man hervorragend Meeresfrüchte essen, der irrt! Es gibt zwar welche, aber es wurde durch irgendein postfaschistoides Gesetz behördlicherseits verboten, diese roh zu servieren! Und der Chilene ist außerstande, so etwas in gekochter oder gebratener Form korrekt auf den Tisch zu bringen. Faseriges Protein, das sich beim Kauen vor der Speiseröhre zu einem trockenen Ball formt. Buäh...

Das einzige mir vergönnte Glück war, an einem kleinen Fischstand in San Antonio tatsächlich zwei riesige Seeigel zu kaufen, die ich kurz darauf in einem „Restaurant" mittels dort bestelltem Messer geöffnet und vertilgt habe. Der Kauf war erneut mit Quittung erfolgt, und als ich mich anschickte, Fotos vom Tresen des Fischhändlers zu machen, räumte der sofort die verbleibenden Seeigel weg, anscheinend vor Angst, womöglich eine Anzeige zu erhalten, weil die Seeigel-Saison wohl gerade vorbei war. Angst vor mir, ich ein vermeintlicher Spion!

Ansonsten gibt es als Nationalgericht gesottene Kuheuter „tetas de vaca", igittigitt!.


Und als Tüpfelchen auf den I war das Hostal, wo wir uns für die Nacht eingemietet hatten, von allerhöchstens 50er-Jahre-Jugendherbergsqualität, hässliche Tapeten und dicke Wolldecken mit Blumenmuster, pfui Deibel!

 

Fazit: Nach diesen zwei Tagen haben wir beschlossen, hier sofort wieder abzuhauen. Allende ist lange gestorben, Pinochet scheint immer noch gegenwärtig. Außer Licht, Meer und den Anden hat dieses Land NICHTS zu bieten, und deshalb kannste mir dat Chile voll gehackt legen! Und auch der viel gelobte chilenische Rotwein wird den Ruf dieses Landes nicht verbessern können.

 

Noch vor dem Zu Bett Gehen habe ich für den nächsten Tag die Flüge von Santiago direkt nach Iguazu gebucht, teuer, aber unumgänglich!

Iguazu

Ein Dorf, mitten im Dschungel. Die erste, per Internet gebuchte Unterkunft war eine totale Katastrophe, sodass ich mich gezwungen sah, später im Trip Advisor folgenden Text zu posten:



Hostel Irupe - „Übernachtungsmöglichkeit mit Überraschungen!”:

Der junge Typ an der Rezeption ist einfach super sympathisch und hilft einem dann auch, die im Zimmer befindlichen diversen Kakerlaken zu erschlagen und zu entsorgen. Leider ist der nur angestellt und kann so nicht Sorge tragen, dass diese grün-schwarz verfärbten Kopfkissen-Innereien und die schon tausendmal benutzten Blumenmuster-Bettlaken und die grünlichen, kaputt gewaschenen Handtücher mal durch etwas Weißes, Neues ersetzt werden. Und das Gonokokken-Mutterschiff, diese Aufwisch-Matte in der völlig verwarzten Dusche wurde dann zusammengerollt als Schutz vor noch mehr ungebetenen Gästen von innen vor die Eingangstür gelegt.

http://www.tripadvisor.de/ShowUserReviews-g312806-d1069565-r120996179-Hostel_Irupe-Puerto_Iguazu_Province_of_Misiones_Litoral.html

Aber nachdem ich mindestens zwei weitere Kakerlaken mit meinem Birkenstock-Latschen erschlagen hatte, protestierte Paloma, und es blieb uns einfach nichts anderes übrig, als zu später Stunde zum besten und teuersten Hotel des Städtchens zu wandern und uns dort einzumieten. An der Rezeption gab man uns gleich einen Gutschein im Wert von 20 Pesos (20 Peso = ca. 3,30 Euro) für das Kasino. So entstand der Spruch „Von den Kakerlaken zu den Haien“!


Am nächsten Morgen per Taxi zu den Wasserfällen, den Catalatas, auf der brasilianischen Seite. Keine Probleme bei der Grenzkontrolle, weil Iguazu natürlich eine herausragende Touristenattraktion ist. Und das mit Recht! Eins der Sieben Weltwunder und ein berauschender Tagesausflug. Abermillionen Kubikmeter Wasser, die sich auf breiten Hochebenen langsam anfließend urplötzlich und mit brachialer Naturgewalt in tiefe Täler stürzen. Spektakulär und atemberaubend, fast überall ein Wrasen von Wasserdampf, exotische Schmetterlinge, bunte Vögel und possierliche Nasenbären am Wegesrand.

Das Ganze kann man von der argentinischen sowie der brasilianischen Seite aus genießen, bewundern, zelebrieren, in sich aufnehmen. Regenhaut empfohlen.



Hier sieht man mehr:

https://www.youtube.com/watch?v=lrZtXRiy64M

Am nächsten Tag wieder vom Haifisch-Hotel mit dem Taxi zur argentinischen Wasserfall-Seite, die etwas weniger spektakulär ist, aber ebenso atemberaubend. Das ist einfach ein Naturereignis. Niagara ist NICHTS dagegen!

So, wir hatten alles gesehen, also zurück nach Buenos Aires! Die Flugtickets waren gebucht, also auf zum Flughafen. Böse Überraschung: alle Flüge gecancelt. Der Tower-Chef hätte sich bereits am Vortag inklusive einiger anderer, wichtiger Mitarbeiter krankgemeldet. Verkappter Streik, und das mit nicht kalkulierbarem Ende! Was tun? Wir wollten keinesfalls wie tausend andere bemitleidenswerte Menschen auf dem Flughafen im Ungewissen hängen bleiben. Einzige Möglichkeit: per Mietwagen die 1300 Kilometer zurück nach Buenos Aires. Argentinien ist ein langes Land mit noch einigen tausend Kilometern mehr, die sich von der Hauptstadt gen Süden bis Patagonien erstrecken. Also auf die „Ruta de la Muerte“ Das ist eine Landstraße, von der gerade mal gute 200km vierspurig sind. Über diese Todespiste (wie sie die Argentinier eben nennen) bewegt sich fast der gesamte Warenverkehr zwischen Argentinien und Brasilien. Kolonnen riesiger Laster, dauernde, gefährliche Überholmanöver, kaum, dass man mal keine Hupe hört. Ich stehe aufs Hupen, und am Tage war alles manövrier- und aushaltbar. Nach Sonnenuntergang war das jedoch kein Spaß mehr. An einer Baustellenausfahrt hielt uns ein Polizist an und fragte, wohin unsere Reise ginge. „Nach Buenos Aires“. „Suerte!“ (Glück!) entgegnete er kurz. Paloma kam langsam auf den Horror, sodass wir bei einer Art Raststätte anhielten.

Nach einer guten Stunde des Schlafes in den Autositzen mit dem ständigen Lärm der vorbei donnernden, riesigen Laster wachte sie unter grauenhaften Alpträumen auf. Kein Sinn, hier weiter zu verbleiben. Ich bestand darauf weiterzufahren, und wir fädelten uns wieder ein in die Todespiste. Das war schon stressig, aber ich kenne diese Nachtfahrten schon aus Rockinger-Zeiten, als wir noch Tonholz aus Erlangen nach Hannover transportiert haben. Man muss einfach durchhalten, konzentriert fahren, Augen auf und sich nicht blenden lassen!

Endlich Morgengrauen, bis wir dann am frühen Nachmittag in Buenos Aires ankamen, den Mietwagen abgaben und ins bereits gemietete Apartment im Stadtteil Palermo eincheckten.

Back in Buenos Aires

Ach wie schön, wieder in urbanem Gebiet zu sein!

Viele Hundebesitzer mieten hier einen „Hunde-Ausführer" zum Gassi Gehen, der seinen Job in multipler Weise ausführt.

Und der Tango ...

Und schöne, alte Bars und Cafes gibt es hier ...

Am Rio de la Plata


In Buenos Aires entstanden: mein erster Entwurf für das Radiator-Tremolo ...

Noch ein letztes Wort zum Essen: Fleisch besser „al punto" oder gar „poco hecho" bestellen, sonst braten sie es tot! So kam uns auch während der ganzen Reise der geheime Gedanke, dass das argentinische Rindfleisch etwas überbewertet scheint. Überall bekommt man riesige Portionen auf den Teller, aber nichts schmeckt so gut wie in Spanien. Und die stark vertretene italienische Küche ist etwa 30 Jahre weit entfernt von dem, was man bei uns heute von richtig guten Italienern gewohnt sein darf. Aber: Wie in jeder neuen Stadt muss man sich als erstes etwas akklimatisieren und das Terrain erkunden.

Und zu guter Letzt: Nie geht alles glatt! Da wird nun argentinienweit jede Menge Fernet Branca getrunken, der dazu wie schon erwähnt angenehmer und milder schmeckt. Also freut man sich drauf, vor der Abreise am Flughafen einen größeren Vorrat einkaufen zu können, und was ist? Gibt's nicht am Flughafen. Die ticken doch nicht sauber!

Patagonia Sur: Kann man für viel Geld viel erwarten?

Super-Ambiente in einer Umgebung, die einem des Nachts etwas Angst macht. Direkt um die Ecke vom Caminito, wo tagsüber volles Rohr das touristische Leben boomt. Aber abends: düstere, gottverlassene Hafen-Scene.

 

Aber gut, wir hatten reserviert, klingelten (!) an der Türe und betraten erwartungsvoll das wirklich nett und intim eingerichtete Etablissement. Und bei 500 Pesos für das Menü pro Person (ohne Wein) sollte man schon einiges erwarten können! Schauen wir erstmal auf die Weinkarte: kein Wein unter 300 Pesos (ca. € 45,-)! Und dann das Sichten der Speisekarte: zu wählen sind eine Vorspeise, ein Hauptgang und ein Nachtisch. Vorspeisen: okay. Auch was dann kam, war nett, sehr schmackhafte kleine Tomaten und Zwiebelchen an Kalbsbries. Auch der Rucola-Salat mit Pampelmuse und Käse etc. – sehr schmackhaft. Aber auch nichts Exorbitantes, was den Gesamtpreis des Menüs hätte rechtfertigen können.

 

Erstmal nach draußen, auf eine Zigarette. Da steht man allein auf weiter Flur. Alle drei Minuten fährt ein Auto vorbei, gegenüber am Kai trollen sich bisweilen vereinzelte dunkle Gestalten. Okay, ausgeraubt werden kannst Du in jeder Stadt dieses Globus, und wenn Du nicht die goldene Rolex oder eine 2000 Euro Handtasche an Dir hängen hast, passiert auch nichts. Genauso hier. Aber ein bisschen das Gefühl wie "Raub mich aus, raub mich aus!" hat man schon …

 

Aber nun wird es schräg: Für den Hauptgang konnte man wählen zwischen diversem Fleisch, etwas Fisch und auch Cannelloni. Cannelloni sind für mich immer ein guter Prüfstein für ein gutes Restaurant, obwohl die einfach nicht in eine Hauptgang-Auswahl gehören. Aber okay, bestellt! Meine Freundin orderte ein Filetsteak. Was dann kam, war wirklich ernüchternd. Zwei riesige Cannelloni-Fladen mit Creme-Spinat-Füllung, Spinat, wie man ihn bei uns in jeder Tiefkühltruhe findet. Das Ganze übergratiniert mit einem billigen Käse. Eine Rolle konnte ich essen, die andere nicht mehr. Und das war auch schon der Hauptgang. Das Filet war von oben mit einer übelriechenden Soße imprägniert, das Fleisch nicht gerade von bester Qualität, eher zäh und ziehig. Bei 500 Pesos (ca. € 75,-) sollte man ein Fleisch erwarten können, das auf der Zunge zergeht!

 

Nachtisch: Eine übliche, langweilige Auswahl von diversem Eis, Tiramisu etc. und einem Schokoladen-Soufflé, was wir letztlich bestellten. Diese dann gelieferte, riesige Nachspeise war etwas, was in Argentinien auch unter "Volcán de chocolate" läuft, also ein in einer Form bereiteter "Schoko-Kuchen" mit viel Schokolade im Inneren, die während der Zubereitung zerfließt. Ziemlich mäßig und viel zu viel! Warum steht keine Mousse auf der Karte?

 

Noch ein Wort über die Tischnachbarn. Drei laute, wichtigtuerische argentinische Herren mit ihren drei blondierten und gelifteten Damen mit jeder Menge Über-Kreuz-Gesprächen über Geld, Schmuck und Aktien.

 

Zuguter Letzt: Quantität anstelle Qualität und völlig überteuert! Umgerechnet etwa 230 Euro, von denen zwei Drittel bestenfalls fürs Ambiente waren. Wir haben in anderen Restaurants für knapp ein Drittel dieses Preises weitaus besser gegessen und gesessen. Don't go there!

 

Aber das Beste kommt noch! Arturo, der 24jährige Sohn eines befreundeten Madrider Künstlers und auch Duesenberg-Spieler lebt in Buenos Aires. Der schrieb uns eine Email zwecks Treffen. Okay, gäbe es nicht ein gutes Restaurant, wo man sich treffen könnte? Darauf seine nächste Email mit dem Vorschlag eines "awesome place", nämlich das Patagonia Sur. Darauf haben wir unter einem Vorwand (plötzlich wichtige Geschäftstermine) das ins Auge gefasste Treffen gecancelt.