2014-Wandré Expo

Mai 2014 - Wandré-Event in Cavriago


Von Marco Ballestri kam die Meldung, dass im Mai in Cavriago eine große Wandré-Ausstellung stattfindet. Allerdings nicht in der ehemaligen Firma, sondern in einer stillgelegten Möbelfabrik unweit davon. Über 100 Gitarren, eine Besichtigung der ehemaligen Fabrik, Vorträge und Musikveranstaltungen warteten auf die Fans. Also ein höchst willkommener Anlass für eine Italienreise, die wir von Madrid aus mit dem Auto antraten.

Auch Heinz Rebellius, Trevor Wilkinson, Willy Davoli und viele mehr folgten diesem Wandré-Lockruf. Und es war beeindruckend: an allen Wänden, sogar auf den Hobelbänken und in Ständern gab es eine unglaubliche Kollektion dieser genialen Objekte zu bestaunen. Dazu diverse Kunstobjekte des Meisters, Antonio "Wandré" Pioli, der sich nach seiner Pleite Ende der 1960er Jahre ausschließlich der Kunst an sich widmete und sogar Mitglied im FLUXUS-Zirkel wurde.

Fluxus ist eine von George Maciunas begründete Kunstrichtung, bei der es nicht auf das Kunstwerk ankommt, sondern auf die schöpferische Idee. Nach dem Dadaismus war Fluxus der zweite elementare Angriff auf das Kunstwerk im herkömmlichen Sinn, welches negiert wurde und als bürgerlicher Fetisch galt.

Fluxus wurde von namhaften Avantgardekünstlern wesentlich geprägt, am bekanntesten davon waren John Cage und Joseph Beuys. Fluxus war gleichzeitig eine Form der Aktionskunst, eine Bewegung unter Künstlern gegen elitäre Hochkunst, und der Versuch, neue kollektive Lebensformen zu schaffen. Mehr im Wikipedia ...


Hier schon mal ein paar Leute ...

Das ansonsten unbedeutende Örtchen Cavriago liegt im Reggio Emilia zwischen Parma und Modena, hat einen ganz schnuckeligen Dorfplatz und eine gute Osteria, wo der Herr Pioli oft zu speisen pflegte. Reggio Emilia ist die Ursprungsprovinz der Kooperativen (wie auch der COOP-Supermärkte), politisch also sehr "links" ausgerichtet. Und auch Pioli war ein kommunistisch orientierter Mensch, der seinen Mitarbeitern sowohl beim Assembling als auch bei den Lackierungen viel Freiheit gelassen hat. Der hat seine Leute immer gut behandelt, und das auch mit der liebens- und lobenswerten Zielsetzung, dass sie sich in ihrer Arbeit wenigstens ein bisschen als "Künstler" fühlen konnten. Das sagt doch schon mal viel aus!

Als Erstes hat er diese runde Fabrik bauen lassen, wobei in der Mitte des Daches ein zylindrischer Regenablauf von bestimmt einem Meter Durchmesser angelegt und bepflanzt wurde. Ansonsten gab es innen kaum Wände, sodass die Beschäftigten kommunizieren und einander sehen konnten.

Hier die alte Fabrik, oder was davon übriggeblieben ist ...

Gianfranco Borghi


Der "alte" Lackierer Gianfranco Borghi war auch zugegen. Damals bei der Ausstellung 74 Jahre jung, ist er auch heute, sechs Jahre später, immer noch total fit. Und das nach all den Lackdämpfen, die er eingeatmet haben mag! Auf vielen Wandré-Gitarren sieht man diesen "Burst"-Effekt. Den erzielte Gianfranco, indem er die Bodies unter die Decke hängte, und dann mit dem Ruß einer brennenden Kerze darunter hergehend diesen „Marmorierungs-Burst“ erzeugte. Das ist echt einzigartig!

Exhibition

Und dann kamen sie alle, Fans, Sammler und viele ehemalige Mitarbeiter.

All diese teils auch verrückten Kreationen, die über die zehn Jahre des Bestehens der Firma entstanden. Immerhin wurden in diesen Jahren ca. fünfunddreißigtausend Instrumente produziert!

Mein "Favorite"-Modell, die WAID! Das ist eine derart andere, sehr weibliche Ästhetik. Siehe hier rechts unten meine schüchterne Adaption!
Und ein weiterer Favorite, das Modell "Scarabeo", als Insekt auch "Glückskäfer" oder "Pillendreher" genannt.


Und weitere Kreationen ...

Meine "Adaptionen" wollte Marco unbedingt dort haben. Die erregten als Ovationen auch gutes Aufsehen, und neulig hat mir ein Franzose ganz schön gutes Geld für die grüne "Wandrella" geboten.

Ansonsten, Vorträge und abendliche Musik ...

Und hier kommen wir zu Wandrés künstlerischem Schaffen ...




Da liegt er nun begraben auf dem wunderschönen Friedhof von Cavriago.

Ein Wandré-Vortrag

Hier noch ein Vortrag„Wandré und italienische Gitarren aus meiner Sicht", den ich an einem dieser Tage zum Besten gegeben habe:

Viel habe ich gar nicht zu erzählen. Steht ja alles in Marco's Ballestri’s Buch. Aber ich bin ein Wandré-Fan, und ein paar Kleinigkeiten möchte ich aus meiner Sicht hinzufügen. Also zuerst: Wir alle würden uns hier nicht zusammengefunden haben, wenn wir nicht auch dieselbe Hingabe an seine Kreationen gemein hätten. Und dazu gehört eine ganz wichtige Tatsache: Die Instrumente von Wandré klingen sehr gut und lassen sich auch gut bespielen - wenn man sie mal richtig eingestellt hat. Dabei wissen wir sicher auch alle, dass das Einstellen dieser Kreationen nicht ganz problemlos ist. Aber wenn letztlich die Technik funktioniert, kann man sich umso mehr an Pioli's Design erfreuen. Man spielt dann etwas, was super und individuell klingt und man befindet sich gleichermaßen spielend auf einem Kunstobjekt.

Gleich vorab: Einige Leute würden Wandré gerne generell als Aushängeschild für italienisches Gitarrendesign zelebrieren. Das ist aus meiner Sicht absolut falsch, denn Wandré ist einfach kein Synonym für „italienische" Gitarren. Meiner Meinung nach stehen dafür die italienischen Firmen EKO, Cruccianelli, Bartolini, Benelli, Galanti etc. All diese Gitarren, die im Süden in der Nähe von Recanati in Größenordnungen von Hundertausenden produziert wurden. Das war eine andere Baustelle.

Willy Davoli erzählte mir einmal, dass sein Vater von Pioli`s Ideen fasziniert war und mit dessen Hilfe seinen Markennamen Krundaal noch mehr aufwerten wollte. Und er war enthusiastisch genug, seine Ideen finanziell zu unterstützen. Schauen wir uns mal eine Bikini-Gitarre an! Um all ihre Bestandteile herzustellen, braucht man eine Menge wirklich teurer Werkzeuge und Formen. Allein dieses Pickguard-Gehäuse aus Metall für Tonabnehmer und Bedienelemente kostet ein Vermögen. Und diese Lautsprechereinheit mit der Metallgitterabdeckung und der ganze innere Aufbau des Verstärkers. Das alles muss mit teuren Formen aus Metall gepresst und gestanzt werden.

Bass-Saitenhalter: super genial! Das Material ist das gleiche D-Profil, das auch für die Hälse verwendet wird. Schräg auf Länge geschnitten, dann vier Löcher für die Ballends zum Einführen und vier Schlitze für die Saiten zum Passieren, und fertig ist der Saitenhalter. Und das sieht auch noch sehr ästhetisch aus!

Man beachte auch die geschlitzte Fensterkopfplatte des WAID Basses! Auf der Rückseite darunter ist ein rechteckiges Aluminiumblech angeschweißt, das in seinen vier Bohrungen die Mechaniken aufnimmt. Und der Headstock, der diese beiden leicht versetzten Aussparungen beinhaltet, aus denen die Saiten heraustreten: geniales Design! Auch der Volumenknopf, der links im Ende des Aluminium-D-Profils untergebracht ist – echt cool!

Nehmen wir zum Vergleich Recanti-Massenware vs. Wandé.  Als Erstes die Tonabnehmer: So ziemlich alle Recanti“-Pickups waren ziemlicher Schrott. Dagegen sind z.B. die ersten von Wandré verwendeten Meazzi-Pickups ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wenn man einen Meazzi-Pickup auseinandernimmt, stellt man fest, dass es sich praktisch um dieselbe Bauweise wie bei einem Gibson P-90 handelt. Die klingen einfach gut. Und was will man mehr?

Die Konstruktion des quasi durchgehenden Halses und die gleichzeitige Installation eines Tonabnehmers am Hals war nur möglich durch die ebenso geniale, besonders flache Konstruktion der alsbald verwendeten Davoli-Pickups. Der Spulenkörper mit Alnico-Magneten liegt in einem U-förmigen Bodenblech, welches das Magnetfeld sehr gut verstärkt. Dieses Blech hat außerdem auf beiden schmalen Seiten zwei kleine Noppen, die unter Druck in die Tonabnehmerkappe einschnappen. „The Italian is`a Fox!“, sagte mal mein Freund Pierro Terracina.

Das Tremolo: absolut einfach und genial … Zudem technisch perfekt. Das System der Lagerung in zwei Nadelspitzen ist die reibungsfreieste Methode! Übrigens gibt es noch ein weiteres italienisches Tremolo mit dem gleichen Lagerungssystem, das man auf einigen Zerosette-JG-Gitarren findet. Nicht exakt gleich, aber mal wieder italienisch ausgefuchst, wobei mal wieder die Zerosette-Pickups praktisch unbrauchbar sind. Ich habe das Tremolo nachgebaut und bei der Gelegenheit ein paar kleine Stellen an der Hebelbefestigung leicht geändert. Und für Wandré Gitarren, bei denen der Tremolohebel verloren gegangen ist, habe ich eine Lösung gefunden, dies zu reparieren und sogar einen besseren Hebel als das Original zu befestigen.

Wandré – oder wie soll ich sagen „Pioli" hatte mit dieser Recanati-Industrie nichts zu tun. Cavriago liegt in Norditalien. Und für mich ist das Faszinierendste an Wandré, dass dieser Mann an einem ganz anderen Ort ganz andere, eigene Wege gegangen ist. Und das in einer Zeit, in der man eben nicht unbedingt möglichen Vorbildern nacheiferte. Immer wenn ich mich mit Wandrés beschäftige, kommt es mir so vor, als habe jemand die E-Gitarre parallel auf einem anderen Planeten entwickelt. Das äußert sich in seinen Designs und Korpusformen wie auch in der Verwendung der Materialien Aluminium und Sperrholz und in dieser speziellen Eigenwilligkeit, mit der er Details komponierte.

Wie auch immer es dazu gekommen sein mag, dass er auf den Gedanken kam, Gitarren zu bauen, ich könnte mir vorstellen, dass sich Pioli als Motorradfahrer als Erstes gedacht hat: „Ein Motorrad ist doch eine stabile Konstruktion aus Metall. Warum dann nicht eine Gitarre hauptsächlich aus Metall konstruieren?“

Ich glaube ein Hauptelement seiner Ideen ist genau die Tatsache, dass er eben praktisch kein Holz verwendet hat. Holz arbeitet immer (Gegenteil der Beamten), splittert in seiner Faserstruktur, bricht und hält nur schlecht Gewindebohrungen. Aluminium hingegen hat keine wesentliche Struktur (bestenfalls in der Richtung, in der das Profilmaterial gezogen wird), trotzdem ist es sehr starr (starrer als Holz derselben Menge), man kann es schweißen, spanabhebend bearbeiten (sägen, fräsen), bohren, Gewinde hineinschneiden, es knicken, biegen und preisgünstig oberflächenbehandeln, d.h. polieren und eloxieren und heute sogar galvanisch veredeln, also vernickeln, verchromen oder vergolden.

Dazu kommt die gewisse Einfachheit! Die Gitarre muss einfach zu bedienen sein. Keine hundert Knöpfe und Schalter. Eine Gitarre hat eigentlich nur höchstens  vier relevante Sounds, die man aus der Konstruktion und den Tonabnehmern herausholen kann, und die müssen eben „klack-klack" abrufbar sein.

Wandré hätte sich sicher auch nicht als „Gitarrenbauer" bezeichnet. Der war jemand (wie ich mich auch sehe) dessen Ziel durchaus serienreife Produkte waren (auch wenn über die Lackierung eine gewisse Individualität möglich war). Da aber Pioli neben Entwickler und Designer auch Künstler war, hat er weitsichtig seinen Mitarbeitern genügend Freiraum für eigene Ideen eingeräumt. Das betrifft verschiedene Farbeffekte bei der Lackierung der Instrumente, sowohl die Auswahl, welche Komponenten auf bestimmten Instrumenten montiert werden. So gab er seinen Angestellten gleichzeitig das Gefühl, selbst ein wenig Künstler zu sein. Design ist auch Kunst! Design heißt, dass man etwas mit einem optischen, visuellen Wert schafft, was über das Praktische hinaus geht.

Angefangen hat Pioli sicher mit dem zentralen Element all seiner Gitarren, nämlich mit dem anfangs meist bis zum Steg durchgehenden Aluminiumhals. Es geht ja auch die Kunde, dass Pioli sein D-Profil aus Quellen des Flugzeugbaus bezogen hat – eine besonders straffe Legierung. Auf das Profil hat er dann das recht dicke Griffbrett geschraubt. Alle Schrauben sitzen unterhalb der Griffbretteinlagen.

Konservativität der Klientel – etwas, über das ich mich seit vielen Jahren ärgere: Trotzdem steht es kaum außer Frage, dass die Verwendung von Aluminium die Verkaufserfolge gemindert hat. Musiker sind eben an Holz gewöhnt – schon von akustischen Saiteninstrumenten her. Jeder Wandré-Gitarren-Sammler wird mir beipflichten, dass heutzutage ein gut erhaltenes Model für unter € 2.000 kaum zu bekommen ist. Das ist aus meiner Sicht angemessen und entspricht durchaus dem Wert eines solchen Instrumentes.

Hier nochmal das Buch von Marco Ballestri: